Schlechte Ausstiegschancen

Von Daniel • 23. April 20160 Kommentare

In der Straßenbahn könnte man auf die Idee kommen, die Leute würden heute lieber zu Hause bleiben – so leer ist es. Doch das ändert sich schnell: An jeder Station steigen Dutzende Männer und wenige Frauen zu. Wie kommen wir hier nur wieder raus?

Es wird voller und voller und schon werden Bäuche an Scheiben gedrückt. Kleine Kinder stehen zwischen all den Beinen, als befänden sie sich in einem dichten Wald inmitten hunderter Bäume. Immerhin bringt niemand gackernde Hühner mit, immerhin raufen sich hier keine Halunken, immerhin muss keiner furzen. Wir leiden schweigend, viele schauen verträumt oder lethargisch aus den Scheiben nach draußen, wo die Glücklichen zu Fuß über die Galatabrücke gehen dürfen, vorbei an den zahlreichen Anglern, die nichts als kleine Fische an Land ziehen.

Neben mir hockt eine Oma. Sie liest ein bisschen in meinen Gedanken und hält es nicht mehr aus, sie sucht das Weite, kommt aber nicht weit. Sie prallt gegen einen Lederrücken, fällt zurück und sitzt wieder neben mir. Kein Entkommen, auch nicht für Alte und Schwache, auch nicht für uns.

Als wir dann aussteigen wollen und ich in die Gesichter blicke, sehe ich Unverständnis. Ich will doch nur raus hier, lasst mich doch bitte gehen.

«Eminönü.»

Die Bahn hält, die Türen öffnen sich. Eine Handvoll Touristen steigt ein und wir sind immer noch hier, in der Straßenbahn.

Abfahrt.

Höchste Zeit, die Ellenbogen auszufahren, hier will sich der Ausstieg erkämpft werden! Zur nächsten Station ist es nicht mehr weit. Meckern von links und rechts.

«Sirkeci.»

Wütende Umlaute fliegen mir um die Ohren, während ich über Taschen steige, über Kinder und Holzbeine. Die Türen gehen auf und niemand macht Platz, keiner will raus, sie wollen nur rein. Ich kann die Freiheit schon sehen und riechen. Ein energisches Voranschreiten, jetzt nur nicht zurückblicken!

Nach zwei weiteren Stationen bin ich schließlich draußen.
Aber waren wir eben nicht noch zu zweit?

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