Radfahren in Amsterdam

Von Daniel • 1. Juni 20160 Kommentare

Jeder gute und schlechte Reiseführer weiß, dass es in Amsterdam mehr Fahrräder als Autos gibt. Und tatsächlich: Hier fahren sie alle mit dem Rad, transportieren Sperrgut, große Blumen und hungrige Freundinnen auf ihren klapprigen Gepäckträgern durch die Straßen.

Da wollen Alexa und ich mitmachen und buchen zwei Plätze bei Mike’s Bike Tour, zahlen 44€ für zwei Räder und ein paar unterhaltsame Stunden.

Die City Tour beginnt in der Kerkstraat. Wir sind sechzehn Leute aus Amerika, England, Australien und wir beide aus Deutschland. Zwei kleine Frauen kommen aus Singapur. Sie können nicht Radfahren, sagen sie. Kichern eine Weile, bis sie sich endlich aufs Fahrrad trauen. Das erste Mal in ihrem Leben. Sie lernen das jetzt, in Amsterdam und ohne Stützräder. Sie tragen Stöckelschuhe an den Enden ihrer kurzen Beine. Ich ahne, dass sie in Schwierigkeiten bringen werden.

LSD im Vondelpark

Mike ist nicht bei uns, vielleicht ist Mike nur eine Marketing-Erfindung, weil sich «Mike» so schön auf «Bike» reimt. Unser Tourguide heißt Jeff. Er empfiehlt, LSD zu kaufen und es im Vondelpark einzunehmen. «Aber lasst euer Portemonnaie zu Hause!», sagt er. Er hat schlechte Erfahrungen gemacht.

Bevor wir losfahren, erklärt Jeff uns noch schnell die Regeln, die auf den Straßen von Amsterdam gelten. Dort gilt kein stumpfes «rechts vor links», sondern es gilt, den Flow nicht zu stören. Das setzt bei allen Radlern voraus, dass sie sich in die Augen schauen, mitdenken und vorausschauend fahren und wissen, was an der nächsten Kreuzung passieren wird. Sie müssen ein Gespür entwickeln, bis sie einschätzen können, in welchen Situationen sie beschleunigen sollten und in welchen lieber nicht.
Blinken geht mit den Armen: links raushalten, rechts raushalten. «Aber nicht so», sagt Jeff und streckt seinen Arm schräg in die Luft. Hitler lässt grüßen.

Radtour durch Amsterdam

Nach dieser knappen Einweisung fahren wir los und sind plötzlich mittendrin im Stadtverkehr. Die Sonne scheint, unsere Wimpern werfen lange Schatten. Touristen auf Fahrrädern dürften der Horror für die heimischen Radfahrer sein: Touristen, die kein Gespür haben, und den Flow durcheinander bringen. Anstatt beherzt in die Pedale zu treten, bremsen sie ab und stehen unsicher im Weg und verstopfen die Straße – so machen es die zwei winzigen Frauen aus Singapur. Und sie rammen ein Auto, eine Schwangere, andere Radfahrer. Wenn es über Brücken geht, beschleunigen sie nicht – sondern bleiben einfach stehen. Mitten im Weg. Und dann kichern sie wieder. Hihihi.

Irgendwann halten wir auf der Torensluis-Brücken, die die Singel-Gracht überspannt, und Jeff berichtet uns, was er über Amsterdam auswendig gelernt hat. Das erzählt er mehrmals in der Woche, mit den gleichen Witzen, den gleichen Pointen. Dann regt sich Jeff plötzlich über einen Texaner auf, der an die Bibel glaubt – für Jeff nichts als fucking fiction, deshalb kann er es nicht lassen, ein paar Witze über Jesus zu reißen.

Yeti befördert mich vorbei an kleinen Läden, großen Menschenmengen, vorbei Coffee-Shops, die nach Entspannung riechen.

Ich glaube auch nicht an Jesus – aber an Yeti. So heißt mein Fahrrad, sein Name steht auf dem vorderen Schutzblech. Yeti befördert mich durch die Stadt, vorbei an Coffe-Shops, die nach Entspannung riechen, vorbei an kleinen Läden und großen Menschenmengen. Links und rechts fahren andere Fahrräder, überholen und klingeln. Meine Gangschaltung hakt, die Bremsen quietschen. Vor mir laufen Touristen in hässlichen Sandalen. Neben mir fährt Tim aus England, er trägt einen schwarzen Hut auf dem Kopf, eine langweilige Brille auf der Nase und einen lockigen Bart im Gesicht. Seine Frau Jamie trägt auf dem Rücken einen Rucksack und darin die ganze Unschuld, die sie finden konnte. Hinter mir streiten Jeff und der Texaner und vor mir fahren die beiden Mädchen aus Singapur in Schlangenlinien die schmale Straße entlang.

Die Fahrt endet an der Molen de Gooyer, eine alte Windmühle, die nicht weit vom Stadtzentrum entfernt liegt. Wir trinken Bier und essen Käsewürfel, die als Pyramide auf einem Teller gestapelt liegen. Jeff lässt sich ein paar Bier ausgeben und gibt im Gegenzug ein paar Tipps zum Drogenkauf. Tim schreibt eifrig mit. Hihihi.

Wir haben überlebt
– und es hat Spaß gemacht

Uns hat die Tour verdammt viel Spaß gemacht. Wir haben viel von der Stadt gesehen und uns ein bisschen einheimisch gefühlt. Und: Wir haben überlebt. Die Autofahrer in Amsterdam sind die Räder gewohnt – und respektieren sie. Anders als in Deutschland, hatte ich keine Angst, dass mich jeder zweite PKW von der Straße rammt.

Mike’s Bike Tours
Kerkstraat 134
1017 Amsterdam

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