Sie alle wollen nur eine sehen: Mona L.

Das falsche Lächeln der Mona Lisa

Von Daniel • 7. Januar 20170 Kommentare

Paris, Louvre: Ich will Mona Lisa in die Augen sehen – doch sie würdigt mich keines Blickes.

Vom kleinen Frühstücksraum aus konnte ich sehen, wie die Briefträgerin ihren kleinen Handwagen durch den Regen schob. Die Straße war dunkelgrau und glänzte, die gelben Lichter der Patisserie spiegelten sich im Fußweg und Bäche rauschten den Rinnstein entlang. Das reinste Scheißwetter.

Nach dem Frühstück fuhren wir mit der Metro dahin, wo alle anderen Touristen an diesem Tag auch hinfuhren – wir fuhren zum Louvre, zu Mona Lisa.
Zwischen all den Leuten standen wir unter Regenschirmen und warteten darauf, dass wir die gläserne Pyramide vom Architekten Ieoh Ming Pei betreten durften. Wie einst Tom Hanks.

Drinnen war es trocken und unglaublich voll. Wir schoben uns in einer Menschentraube durch die Gänge, über Treppen und durch Hallen – immer den Hinweisschildern nach, vorbei an Bildern von Dicken, von Nackten, von Jesus. Niemand schenkte ihnen mehr als einen flüchtigen Blick; wir wollten nur eine sehen. Mona, wo bist du?
Und nach einer halben Stunde konnte ich ihr endlich in die Augen schauen. Mona Lisa zwinkerte nicht.

Knips! Mona! Knips! Lisa! Knips!

24 Mona Lisas pro Sekunde

Ich war überrascht, dass mich der Anblick des berühmtesten Gemäldes der Welt kalt ließ. Als ich in Florenz vor «Der Geburt der Venus» von Botticelli stand, war das ein ergreifender Moment. Doch hier, zwischen all den schwitzenden und müssenden Fotografen und Müttern und Dicken und Kindern, blieb keine Zeit für Gefühle. Ich wurde fast erdrückt, denn die Leute drängelten nach vorne, wo das Museumspersonal die Meute im Griff hielt. Nur ein Foto und weg, sagte die Frau auf Französisch.
«Une Photo, une Photo.»
Knips.
Wir waren wie bekloppte Paparazzi, die einen Superstar erspäht hatten. Blitzlichter, surrende Videokameras und Mobiltelefone, die so taten, als seien sie Fotoapparate. Ich wollte Mona ganz für mich haben, nur sie und ich, nur wir beide. Das aber interessierte Mona nicht. Hinter zentimeterdickem Panzerglas lächelte sie jeden an: all die schwitzenden Leute, die auch nichts Besseres wussten, als ein verwackeltes Bild von ihr zu machen. Und noch eins und noch eins.
Knips.
Andere hielten mit dem Camcorder drauf, vierundzwanzig Mona Lisas pro Sekunde. Ein Vater stieß mich zur Seite, es war unmöglich, nicht im Weg zu stehen oder irgendwem nicht ins Foto zu rennen. Für intime Momente mit Mona L. musste ich mir im Geschenkshop ein Poster von ihr kaufen.
Oder die Tasse. Oder die Bettwäsche. Oder das Puzzle. Oder das Lineal. Oder die Uhr.

Musée du Louvre
75001 Paris

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