Ciao, Chicago!

Mit dem Megabus nach Indy

Von Daniel • 6. Juni 20170 Kommentare

Chicago, 10. September, 11:07 Uhr. Van Buren Street, neben der stillgelegten Post. Vernagelte Fenster, weil niemand mehr Briefe schreibt. Neben uns stehen die dicken Koffer. Wir warten auf den Megabus, der uns nach Indianapolis bringen wird. Die Fahrt für zwei Personen kostet 22 US-Dollar, zuzüglich «Booking Fee». Es sind zahlreiche Leute da, die schon länger auf den Bus warten. Wir müssen uns keine Sorgen machen: Wir haben zwei Sitzplätze reserviert (2 Dollar pro Sitz). Andere müssen um einen guten Platz kämpfen, sich duchsetzen. Aber erst mal: warten.

Abfahrt. Es ist eng wie im Linienbus – von wegen also mega. Am Heck des Busses verlud einer die Koffer, der aussieht wie Jamie Foxx. Mit mir schimpfte Jamie: «Zu viele Taschen für zwei!» Wir durften trotzdem mit – und ich musste ihn nicht mal bestechen. Könnte ich auch gar nicht: den Dollarschein diskret in der Handfläche halten, ihn händeschüttelnd überreichen, wie im Mafiafilm. Würde lächerlich aussehen. Wie der Schein mir aus der Hand fällt und im Winde verweht. Peinliche Stille. Lieber nicht.

Nun sagt Jamie die Regeln durch, die im Megabus herrschen. Nur Verbote. Am besten bleibt man einfach still sitzen, atmet leise und schaut aus dem Fenster.
Jamie setzt sich zu einer dicken Frau, die eine Perücke trägt. Und ein lila Kleid. Und lila Socken. Ihre Tasche ist auch: lila. Wie ihre Fingernägel. Sie liebt die Farbe, die Farbe Lila. Sie versteht sich blendet mit Jamie, beide lachen viel.

Irgendwo im Nirgendwo.

Mir gegenüber sitzt ein dürrer Junge, der es sich richtig gemütlich gemacht hat. Die Schuhe hat er sich ausgezogen, die Socken auch. Es stinkt unter dem Tisch, der sich zwischen uns befindet. Es stinkt nach Füßen, nach Schweiß und Tod. Die Fahrt wird noch 4 Stunden dauern.
Kann man hier die Fenster öffnen? Ist das erlaubt, Jamie?
Er schüttelt den Kopf.
Sorry.

Hell Is Real
Jesus Is Real
The Smell Is Real

Die lila-liebende Frau telefoniert derweil mit ihrer besten Freundin und spielt auf einem zweiten iPhone Candy Crush. Draußen zieht die Landschaft vorbei: geplatzte Reifen am Straßenrand, überfahrene Tiere, braunes Gestrüpp. Ein riesiges Schild verkündet «Hell Is Real, Jesus Is Real». Ein anderes verspricht: «Free Breakfast». Nichts im Leben ist umsonst!

Die junge Frau, die neben dem Stinkefuß sitzen muss, liest die gleiche Zeitschrift wie ich: Psychology Today. Titelthema: Wicked Thoughts. Die habe ich auch, wenn ich den dürren Jungen so angucke. Wie er da gelangweilt auf seinem Laptop herumtippt. Wie er seine stinkenden Füße streckt. Wie er seine Fingergelenke knacken lässt.

Ich hasse ihn.

Aber ich bin zu höflich und zu feige, um ihm ins Gesicht zu brüllen: «The Smell Is Real!»
Würde ihm so gern seine Füße abhacken und aus dem Fenster werfen.

Bitte.
Aber Jamie schüttelt wieder den Kopf.
Sorry.

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