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Mann auf Kolosseum

Hübsch: Das Kolosseum bei Nacht.

Alle, die zum ersten Mal in Rom sind, kommen am zerlöcherten Kolosseum vorbei, und viele wollen es auch von innen sehen.

Mein Reisebegleiter ist da keine Ausnahme und besteht auf den Erwerb von zwei Eintrittskarten. Vor dem Kolosseum stehen die Besucher brav an, Menschen hinter Menschen hinter Menschen hinter Menschen. Früher konnten die Römer entlang der Schlange allerhand Dinge erwerben, etwa Sitzkissen.

Ich gehe weiter, vorbei an den Wartenden, befolge den wertvollen Tipp des Reiseführers und kaufe die Eintrittskarten an einer kleinen Bude auf dem Palatin – einem der sieben Hügel, auf denen Rom erbaut wurde. Ich kaufe zwei Tickets bei einem mürrischen Mädchen und kehre zum Kolosseum zurück. Wir passieren die lange Warteschlange, laufen direkt zum Eingang, dürfen sofort rein. Kann das Leben nicht immer so einfach sein?

Gewalt und Spektakel

Im Kolosseum fotografieren die Leute jeden Stein, jede Blume und jedes Stück Müll. «Amazing», murmelt eine Amerikanerin, «truly amazing.» Der Ehemann der beeindruckten Amerikanerin hat weiße Socken und Sandalen an. Sein Gesicht sieht aus wie der Mond während einer Mondfinsternis.

Früher gab es im Kolosseum viel mehr zu sehen, mehr Gewalt, mehr gefährliche Tiere, mehr Spektakel! Da haben halbnackte Männer sich gegenseitig die Schädel zertrümmert, haben Arme und Beine abgeschlagen und Blut und Zähne ausgespuckt. Die Masse feierte das Schlachten und betrachtete erregt die zerlegten Menschen, die in ihrem Blut schwammen.

Heute verkaufen Männer in fleckigen T-Shirts kleine Wasserflaschen, deren Inhalt zu Eisblöcken gefroren ist. Das Wasser kostet 2,50€. Cola, Fanta, Sprite kosten einen Euro mehr. Falsche Römer mit roten Besenborsten auf ihren Plastikhelmen verdingen sich als Fotomotiv. Natürlich wollen sie Geld dafür, dass sie in tausend fremden Fotoalben landen.

Kleiner Mann, was nun?

Als es dunkel ist, kehre ich zurück, um das Kolosseum in nächtlicher Beleuchtung zu fotografieren. Ohne Blitz. Gelbe Scheinwerfer illuminieren das imposante Bauwerk, wodurch der kleine Mann auch von unten gut zu sehen ist. Er steht auf dem Kolosseum – und das sollte nicht sein, die Besuchszeit ist längst vorbei, der Mann ist illegal da oben und zündet sich eine Zigarette an. Seine letzte?

Schnell versammeln sich viele Schaulustige. Sie liegen auf der Wiese vor dem Kolosseum und gucken nach oben und warten gespannt, ob der kleine Mann springen wird. Jemand zündet einen Joint an, ein anderer öffnet eine Bierflasche mit dem Daumen. Hat schon mal jemand einen zertrümmerten Schädel gesehen, einen aufgeplatzten Menschen, der in seinem Blut schwimmt?

Morbid, but fascinating

Die Feuerwehr trifft ein und bläst ein gigantisches Sprungkissen auf, das von oben lächerlich winzig wirken muss. Wollen angehende Selbstmörder überhaupt weich landen? «Morbid, but fascinating», fasst einer die Situation zusammen und inhaliert tödlichen Zigarettenqualm. Und dann: ein Schrei, ein Kreischen, ein kurzes Entsetzen! Ein Schatten ist über die Kante des Kolosseums geflogen. Wir warten gespannt auf den Aufprall des Körpers, wie er dumpf in den Beton einschlägt. Doch es herrscht Stille.

Es war nur eine pummelige Möwe, die die Aufmerksamkeit in vollen Zügen genießt und stolz eine Extrarunde über unseren Köpfen dreht und schließlich im gelblichen Nachthimmel verschwindet. Der kleine Mann springt doch nicht, er wird verhaftet. Das Leben geht weiter und ich nehme die letzte Bahn zurück zum Hotel.