Hübsch: Das Kolosseum bei Nacht.

Mann auf Kolosseum

Von Daniel • 20. November 20160 Kommentare

Alle, die zum ersten Mal in Rom sind, kommen am Kolosseum vorbei und wollen es dann auch von innen sehen. Doch nur wenige besteigen es – und springen herunter.

Viele Besucher stehen brav an. Wir gehen weiter, vorbei an Wartenden, Ruinen und Säulen. Befolgen den wertvollen Tipp des Reiseführers und kaufen die Eintrittskarten auf dem Palatin an einer kleinen Bude, an der niemand ansteht. Wir kehren zum Kolosseum zurück und passieren die lange Schlange, laufen direkt zum Eingang. Dürfen sofort rein.
Kann das Leben nicht immer so einfach sein?

Im Kolosseum fotografieren die Leute dann jeden Stein, jede Blume und jedes Stück Müll.
«Amazing», findet das eine Amerikanerin, «truly amazing!»

Früher gab es hier viel mehr zu sehen, da haben sich halbnackte Männer die Schädel zertrümmert, haben Arme und Beine abgeschlagen und Blut gespuckt. Heute verkaufen Männer in fleckigen Shirts für 2€ Wasserflaschen an Touristen. Sprite kostet 3,50€. In den Flaschen schwimmen Eisblöcke.

Falsche Gladiatoren und falsche Römer mit roten Besenborsten auf den Helmen verdingen sich als Fotomotiv. Natürlich wollen sie Geld dafür, dass sie in tausend fremden Fotoalben landen. In mein Album kommen sie aber nicht.

Kleiner Mann, was nun?

Am Abend kehren wir noch einmal zurück, wir wollen das Kolosseum in nächtlicher Kulisse fotografieren. Gelbe Scheinwerfer illuminieren das imposante Bauwerk, wodurch der kleine Mann auch von unten gut zu sehen ist. Er steht auf dem Kolosseum – und das sollte nicht sein, die Besuchszeit ist längst vorbei. Der Mann ist illegal da oben und zündet sich eine Zigarette an.

Seine letzte?

Schnell haben sich Schaulustige versammelt. Sie liegen auf der Wiese und gucken nach oben, warten gespannt, ob der kleine Mann springt.
Hat schon mal wer zertrümmerten Schädel gesehen, einen aufgeplatzten Menschen?

Die Feuerwehr trifft ein und bläst ein gigantisches Sprungkissen auf, das von oben lächerlich winzig wirken muss. Wollen Selbstmörder überhaupt weich landen?
«Morbid, but fascinating», sagt einer und inhaliert tödlichen Zigarettenqualm.

Und dann: ein Schrei, ein Kreischen und kurzes Entsetzen. Ein Schatten ist über die Kante des Kolosseums geflogen. Nur eine fette Möwe. Erleichterung und Gelächter.

Der kleine Mann springt schließlich doch nicht, sondern wird verhaftet. Das Leben geht weiter und wir nehmen die letzte Bahn zurück zum Hotel.

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