Orangensaft im Flugzeug, in der Sonne warm werdend.

Landeanflug

Von Daniel • 4. Februar 20160 Kommentare

Vor der Erkundung einer neuen Stadt sehe ich sie zunächst von oben: Wenn das Flugzeug über den Häusern in den Sinkflug geht und sich dem Boden nähert, den Menschen, den Gesichtern, den Geschichten. Auch am Anfang dieses Reiseblogs steht der Landeanflug.

Die Maschine dringt von oben in die Wolkendecke ein, taucht ins endlose Weiß, das unser Flugzeug wie Styropor umhüllt. Minuten vergehen, ohne dass der Boden auftaucht. Das Brummen der Triebwerke liegt schwer in den Ohren und übertönt die leisen Gespräche neben mir – nicht aber das kreischendes Baby in der ersten Reihe. Und ganz plötzlich ist der dunkle Asphalt der Landebahn zu sehen, offenbar zu plötzlich, denn der Pilot dreht voll auf und lässt die Maschine mit voller Kraft voraus über die Landebahn rauschen. Wir werden in die Sitze gedrückt und gewinnen an Höhe und verschwinden wieder im dicken Nebel.

Unter den Passagieren macht sich leichte Unsicherheit breit, neben und hinter mir tauschen sie sich aufgeregt aus. Meine Sitznachbarn haben voreilig die Schwimmwesten aus dem Zellophan gerissen und gleich aufgepustet, obwohl die laminierten Sicherheitshinweise erklären, wie es geht: Schwimmwesten werden erst im Meer aufgepustet, wenn die Haie schon mal probiert haben – nicht vorher! Sie sehen jetzt ziemlich dämlich aus, meine Sitznachbarn in ihren Schwimmwesten. Ich habe sie hassen gelernt, als sie kurz nach dem Start sofort einschliefen und den Weg zur Toilette versperrten. Und geschnarcht haben sie auch.

Wenn es das Flugzeug jetzt zerlegen würde – es wär mir ein bisschen egal.

Der Pilot kreist einige Male über Lissabon und rührt den dicken Nebel ordentlich um, bis er cremig ist. Dann wagt er einen zweiten Versuch. Wenn es das Flugzeug jetzt zerlegen würde – es wär mir ein bisschen egal.

Das Flugzeug sinkt wieder, nähert sich dem Boden, der abermals sehr plötzlich auftaucht, dieses Mal aber niemanden überrascht. Hart setzt die Maschine auf, kracht auf den Asphalt, reibt Gummi in die raue Oberfläche.
Nachdem der zweite Landeversuch nicht in einer Katastrophe endete, klatschen die Passagiere wie sonst nur bei einem Charterflug nach Mallorca. Besonders enthusiastisch applaudieren die vier Männer hinter mir und lassen sich vom Steward die restlichen Bierdosen auch noch geben.

Ich verabschiede mich von ihnen und steige in die U-Bahn. Mir gefällt der Gedanken, sie nie wieder zu sehen.

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